Irmgard Binder erhält die Ehrenmitgliedschaft im gemischten Chor ProVo’Canti, Buchs:
Seit 40 Jahren ist sie Chorsängerin aus Leidenschaft

Irmgard Binder

Wie bist Du zum Chorgesang gekommen?

Meine Mutter hat erzählt, dass ich schon in der Wiege gesungen habe – aber natürlich nicht gerade die schönsten Töne (lacht). Zum Chor bin ich dank meinem Vater gekommen, der als Lehrer im Schwarzwald gearbeitet hat. Er liebte die Musik, hatte ursprünglich Geige gelernt und sich dann autodidaktisch das Klavierspiel beigebracht. Dass er das konnte, war nicht selbstverständlich. Er kehrte heim aus russischer Gefangenschaft, als ich 9 Monate alt war. Er hatte einen Handdurchschuss, und nur, weil meine Mutter ihm jeden Tag die Hand massierte, konnte er seine Hand wieder benutzen. Schliesslich gründete er einen Kinder- und Schülerchor, wie es sie damals an vielen Orten gab. So bin ich in den Chor gekommen und mit dem Singen gross geworden.

Musik ist Teil Deines Lebens?

Zuhause haben wir viel gesungen, Musik hat man selber gemacht statt konsumiert. Heute mit den modernen Medien ist das ja nicht mehr so verbreitet.
Das Klavier stand in unserer Wohnung im Konferenzzimmer, in dem mein Vater jeweils seine Sitzungen abhielt mit den Lehrern. Es übte auf mich eine magische Anziehung aus – obwohl es dort drin immer schrecklich kalt war, weil nur Wohnzimmer und Küche geheizt waren.
Wenn das Radio lief, gefielen mir gewisse Stücke ganz besonders. Diese spielte ich dann auf dem Klavier nach. Wenn ich einen schönen Akkord gefunden hatte, rannte ich schnell zu meiner Mutter in die Küche und rief sie ans Klavier. Leider konnte ich aber den schönen Klang dann meist nicht mehr wiederfinden.... Da war ich etwa 3, 4jährig.
Bis zum 11. Lebensjahr lernte ich das Klavierspiel autodidaktisch, wollte es aber unbedingt richtig erlernen. Nach einem Umzug hatte ich das Glück, dass unser neuer Nachbar Klavierlehrer war. Er war sehr erstaunt, dass ich so gut spielte, aber keine Noten lesen konnte. Mühsam erlernte ich bei ihm schliesslich das Notenlesen, es machte mir überhaupt keinen Spass, obwohl ich die Notwendigkeit einsah.

Würde Dir etwas fehlen ohne Musik und Gesang?

Ja, ich kann nicht ohne sein. Musik gehört einfach zu mir. Sie hilft mir, mich auszudrücken, meine Stimmungen auszugleichen. Wenn ich ans Klavier sitze, geht es mir nachher besser. Auch der Haushalt läuft nachher leichter von der Hand (lacht).

Hast Du in Deiner Chorlaufbahn auch Klavierbegleitung gemacht?

Ja, ich habe sowohl Männer- wie auch Frauenchor schon begleitet. Ich habe den Frauenchor sogar zwei Monate geleitet, weil sie keine Dirigentin fanden. Dafür habe ich in Dübendorf einen Dirigentenkurs absolviert. Bei der Abschlussprüfung hätte jeder einen Teil der Zigeunerlieder von Brahms dirigieren müssen, aber ich musste kurzfristig die Begleitung am Klavier übernehmen, weil die Pianistin ausfiel, und kam so ums dirigieren herum.

Hast Du Erinnerungen an ein grosses Ereignis mit dem Chor?

Highlights waren für mich die Aufführungen und vor allem die Teilnahmen an den Kantonalen Gesangsfesten. Auf etwas so etwas hin zu arbeiten fördert auch die Motivation, fleissiger zu üben.

Wie bist Du hier in Buchs zum Chorsingen gekommen?

1975 zog ich nach Buchs. Ein Jahr später trat ich in den Frauenchor ein. Da haben wir wunderbare Sachen gesungen. Wir haben sogar eine Musikkassette aufgenommen mit Daniel Hegland. Das war damals etwas Spezielles.
Ich war zuerst skeptisch, in einem Frauenchor zu singen, aber es hat sich gelohnt. Wir Frauen hatten einen guten Zusammenhalt. Ich habe mich auch engagiert und war elf Jahre im Vorstand.

Sicher hast Du im Lauf der Zeit ganz unterschiedliche Dirigentinnen und Dirigenten erlebt

Gern erinnere ich mich zum Beispiel an Helen Haegi. Sie hat die grossartige Fähigkeit, die Sängerinnen und Sänger dort abzuholen, wo sie stehen, sie herauszufordern und auf eine höhere Stufe zu begleiten. Mit ihr haben wir am Gesangsfest dann auch die Bewertung „Sehr gut“ abgeholt.
Aber wir hatten nicht immer gleich viel Glück mit den Dirigenten. Jeder Dirigent hat halt seinen eigenen Stil. Allerdings würde ich als Letzte aus dem Chor austreten wollen. Das Singen an sich ist einfach sehr wohltuend!

Aus dem Frauenchor ist dann ein gemischter Chor geworden

1998 wurde der Frauenchor in den Gemischten Chor ProVo’Canti umgewandelt. Hier singe ich heute noch in der Altstimme. Seit Januar ist Carolina Kuhlenkamp unsere Dirigentin. Zur Zeit üben wir auf unsere nächsten Auftritte – da freue ich mich schon drauf!

Interview: Wanda Girsberger

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